November 2026

- Himmel über Berlin -

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Als ich vor vielen Jahren beschloss, Malerin zu werden – genauer gesagt: Pleinair-Malerin –, hatte ich natürlich große Pläne. Großformatige Aquarelle, Ausstellungen und den Verkauf meiner Originale schwebten mit vor. An Miniaturen, Malen auf Reisen, Kunsthandwerkermärkte, Lesemagnete und Booklets mit Geschichten dachte ich damals ganz sicher nicht.

Die damals jährlich im November im Statthaus Böcklerpark stattfindende Ausstellung ‚Querschnitt‘, an der sich jede Kreuzberger*in mit einem einzigen Bild beteiligen konnte, schien mir der perfekte Einstieg in die Welt der Kunst. Ich stellte mir dafür eine besondere Aufgabe. Bis dahin hatte ich immer mit dem Bewusstsein gemalt, mich mit einem Bild an einem bestimmten Ort zu einem gewissen Zeitpunkt zu verankern. Aber dieses Mal wollte ich meiner Beziehung zu Berlin Ausdruck verleihen. Die Stadt sollte neutral und schematisch durch das Brandenburger Tor symbolisiert werden. Darüber: der Himmel – jeden Abend anders, immer in Bewegung und steter Veränderung. Und in der oberen Mitte die bunte Silhouette eines tanzenden Paares: mein Sinnbild für einen dauerhaften, glücklichen Moment.

Mit dieser Idee unterteilte ich meinen Aquarellblock in verschiedene Sektionen und zog an den folgenden Abenden kurz vor Sonnenuntergang zum Landwehrkanal, wo ich den Himmel über dem Urbanhafen in zwei senkrechte Felder, verbunden durch ein waagerechtes malte. Es war Anfang November. Die Sonne verschwand früh, der Sommer lag lange hinter uns. Der Wind strich über das Wasser, rüttelte die letzten Blätter von den Bäumen und fuhr mir ungebremst in die Hosenbeine. Ich musste Malblock und Farbkasten regelrecht gegen ihn verteidigen. Trotzdem blieb ich. Eine Woche lang stand ich Abend für Abend dort, beobachtete den Himmel, mischte Farben und versuchte, diesen einen Augenblick festzuhalten, bevor er schon wieder verschwunden war. Wenn ich danach endlich meine Sachen zusammenpackte, waren meine Finger steif vor Kälte. Ganz durchgefroren schlich ich nach jeder Malsession nach Hause in die warme Stube.

Als ich mein Bild schließlich bei der Ausstellungseröffnung zwischen all den anderen Bildern, Skulpturen und Installationen hängen sah, war ich glücklich. Ein toller Einstieg in mein Leben als Künstlerin, dachte ich. Ich hatte mich selbst herausgefordert – und war an diesem Abend zufrieden mit mir und der Welt. Ein paar Tage später kam der Anruf der Ausstellungsleitung. Es habe sich ein Interessent für mein Bild gefunden. „Freuen Sie sich“, sagte man mir. „Das ist ein Sammler.“ Tja. Da war es eigentlich schon zu spät. Längst hatte ich beschlossen, dass ich dieses Bild nicht verkaufen wollte. Es gehörte zu mir. Zu meinem Mann. Zu unserem Leben in Berlin. Ich konnte nicht über meinen Schatten springen – und meine Künstlerseele wollte es offenbar auch nicht. Pleinair-Malerei ist etwas sehr Persönliches. Ich male nicht einfach nur einen Ort. Ich bin dort. Ich bin mittendrin. Ich nehme wahr, was um mich herum geschieht: das Licht, den Himmel, die Menschen. Diesen Moment erlebe ich mit allen Sinnen – und etwas davon bleibt in meinem Bild.

‚Ausstellungen machen, ohne verkaufen zu wollen – das geht doch nicht. So wird das nichts mit mir als Künstlerin‘, dachte ich damals. Oder vielleicht doch? Dieser Anruf war für mich wichtiger, als ich ahnte. Er machte mir klar, dass ein Pleinair-Bild für mich mehr ist als ein Kunstwerk, das nach einer Ausstellung den Besitzer wechselt. In ihm steckt ein Stück meines Erlebens, ein Moment, mit dem ich mich verbunden fühle. Es musste einen anderen Weg geben. Wie er aussehen würde, wusste ich nur noch nicht.

 

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