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Oktober 2026

-  Heilige Sara -

 

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Der provenzialische Küstenort Saintes-Maries-de-la-Mer am südlichen Rand der Camargue war mir schon lange ein Begriff. Bereits Ende der 1970er Jahre hatte mein Studienfreund Jörg begeistert von dem großen, farbenprächtigen Fest der Roma Ende Mai erzählt. Er hatte miterlebt, wie die Figur ihrer Schutzpatronin, der Heiligen Sara, in einer langen Prozession zum Meer getragen und dort mit Salzwasser benetzt wurde. „Da musst Du unbedingt mal hin!“, waren seine Worte. Auch andere schwärmten: von Campingurlauben am weiten Stadtstrand, von den weißen Wildpferden und den Flamingos der Camargue. Und doch geriet dieses Reiseziel immer wieder in Vergessenheit – bis ich Jahre später in Portugal meiner Freundin Renata unsere Rückfahrtroute schilderte, die uns über die La Mancha, die Costa Brava und die Provence in den Norden führen sollte.

„Die Schwarze Madonna in der Kirche von Saintes-Maries-de-la-Mer musst du dir unbedingt ansehen. Die wird dir gefallen.“ In diesem Moment war alles wieder da: Neugier, Reiselust – und der starke Wunsch, genau dieses Motiv zu malen. Unser zeitlicher Spielraum für diesen Abstecher in die Camargue war leider sehr knapp bemessen. Schon gleich nach unserer Ankunft in Saintes-Maries-de-la-Mer drängte ich meinen Mann: „Komm, lass uns gleich in die Kirche gehen.“ Es war später Nachmittag, Mitte Oktober, und dennoch war die Kirche noch gut besucht. In einer kleinen Kapelle über dem Altar befinden sich die Reliquien der drei heiligen Marien, in der Krypta unter dem Alter jene ihrer Dienerin, der Heiligen Sara, die seit dem 15. Jahrhundert von den Roma als Schutzpatronin verehrt wird. Sie wollte ich malen.

Das Gewölbe, wo ihre Figur in einer Ecke steht, war in warmes, gedämpftes Licht getaucht – von wenigen Deckenlampen und zahlreichen flackernden Kerzen. Auf dem Boden, auf Truhen und kleinen Ablagen standen Vasen mit frischen und künstlichen Blumen. Die Wände waren bedeckt mit Porträts von Gläubigen und Fotografien vergangener Prozessionen. Der Raum leerte sich glücklicherweise schnell, als über mir im Altarraum der Gottesdienst begann. Es musste gegen 18 Uhr sein – eine Stunde blieb mir noch, bevor die Kirche schloss.

Eine Sitzgelegenheit gab es nicht. Also begann ich im Stehen zu malen. Vor mir stand diese große, mit schwarzer Farbe angemalte Holzstatue der Heiligen Sara. Viele Lagen heller, leuchtender Stoffe bilden ihr farbenprächtiges Gewand. Manche Tücher sind mit Spitzen verziert, andere mit Perlenstickereien. Sie trägt eine glitzernde Krone auf dem Kopf und viele bunte, lange Ketten um den Hals. Ihr Gesicht lächelt. Sie wirkt jung, offen und freundlich, ganz anders als die vielen Madonnenfiguren, die ich kenne. Nichts Strenges, nichts Trauriges liegt in ihrem Ausdruck. Ich genoss die Zeit, die ich vor ihr stand und malte – allein und ungestört, aber begleitet vom Klang entfernt gemurmelter Gebete und leisem Kirchengesang. Als ich mein Bild beendet hatte, stieg ich die Treppen hinauf in den Altarraum, setzte mich zu den Gläubigen auf eine Bank und ließ diesen berührenden Malmoment auf eine andächtige Weise langsam ausklingen.

 

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