Juli 2026

Seit mehr als dreißig Jahren findet jeden Juli im kleinen Landstädtchen São Teotónio im Südwesten Portugals die FACECO statt – die wichtigste Wirtschafts- und Kulturschau des Alentejo. Zwischen Viehzucht, Kunsthandwerk, Gastronomie und Musik herrscht dort ein buntes, lebendiges Treiben, das Publikum aus nah und fern anzieht. Viele Male war ich dort als Besucherin. Eines Tages kam mir die Idee, nicht nur zu schauen, sondern auch zu malen. Ein Künstler, ein Musiker, ein Handwerker – wer mein Motiv werden würde, wusste ich noch nicht.
Senhor Amavel fiel mir sofort ins Auge. Er saß gleich am Eingang der Kunsthandwerkerhalle auf einem niedrigen Stuhl und schnitzte, völlig unbeeindruckt vom Menschentrubel, an einem langen Stock. Neben ihm stapelten sich Korkhocker in verschiedenen Größen und ungewöhnlich geformte Kalebassen, hinter ihm baumelten hohlbäuchige Schöpfkellen aus Kork an einer langen Schnur. Ein reich verzierter Pfahl stand wie ein kleiner, farbenfroher Maibaum neben seinem Stand. Die Szene wirkte wie aus einer anderen Zeit. Ich hatte mein Motiv gefunden!
„Darf ich Sie malen?“, fragte ich und zeigte auf meinen großen Aquarellblock. Der alte Mann nickte überrascht, war aber einverstanden. Offenbar wunderte er sich ebenso wie seine Bekannten, die zwischendurch bei ihm stehen blieben und fragten: „Warum macht sie das?“ Darauf antwortete er meist mit einem ratlosen Achselzucken. Woher hätte er auch wissen sollen, dass ich damals leidenschaftlich gern Menschen bei ihrer Arbeit malte?
Gegen Mittag leerte sich die Halle. Senhor Amavel verschwand zu einer ausgedehnten Mittagspause und ich nutzte die Ruhe, um die vielen Details seines Standes festzuhalten – die eigenwilligen Formen, die warmen Korktöne und die kunstvollen Schnitzereien. Als er zurückkehrte, war mein Bild fertig. Nicht ohne Stolz zeigte ich es ihm. Er betrachtete es lange. Dann zog er langsam einen gefalteten Zettel aus seiner Hosentasche und reichte ihn mir. Wortlos. Fragend.
Auf dem Papier stand ein handgeschriebener Text. Ob ich ihn auf das Bild schreiben könne, da in die Mitte, deutete er mit einer Geste an. Es war ein kleines, sehr persönliches Gedicht, eine Liebeserklärung für seine verstorbene Frau. Natürlich konnte ich. Mit Pinsel und Farbe schrieb ich seine Zeilen in das Bild. Das Gesicht des alten Mannes strahlte, als er anschließend den Malblock in die Hand nahm. Ich konnte spüren, dass ihm das Bild mit einem Mal sehr viel mehr bedeutete. „Für mich?“, fragte er unvermittelt. Ich war überrascht, zögerte aber nur kurz, bevor ich antwortete: „Ja – aber noch nicht heute.“
Obwohl ich meine Originale fast immer behalte, wusste ich in diesem Augenblick, dass dieses Bild ihm gehören sollte. Zunächst nahm ich es mit nach Deutschland, um es zu scannen und zu archivieren. Im Herbst brachte ich es zurück nach Portugal. Ich wusste nur, dass Senhor Amavel irgendwo außerhalb des Küstenstädtchens Vila Nova de Milfontes lebte. Also begann ich zu suchen. Schließlich traf ich in einem Straßencafé jemanden, der ihn kannte und mir den Weg beschreiben konnte. Der alte Mann war offensichtlich sehr überrascht, als ich vor seiner Haustür stand und hocherfreut, als ich ihm das Bild überreichte. Gerahmt und mit Passepartout. Gleich gab er ihm in seinem Wohnzimmer über dem Sofa einen zentralen Platz.
Anschließend zeigte mir Senhor Amavel seine Werkstatt. Unter einem Wellblechdach zwischen Wohnhaus und Anbau stapelte sich die dicke Rinde der Korkeichen. Überall standen Werkzeuge, lagen zugeschnittene Korkplatten und halbfertige Arbeiten. Ich wusste bereits, dass der von Hand geschälte Kork monatelang ruhen muss, bevor er verarbeitet werden kann. Auch dass die Rinde unter Dampf begradigt wird. Wie viel Erfahrung und Geduld nötig sind, um daraus Schöpfkellen, Hocker oder Untersetzer entstehen zu lassen, konnte ich mir aber erst jetzt vorstellen. Es war ein faszinierender Einblick in ein jahrhundertealtes portugiesisches Handwerk.