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September 2026

Abenteuer gibt es nicht nur in Jugendbüchern oder im Anekdotenschatz der Wagemutigen. Ins Abenteuerliche driftet manchmal sogar eine völlig harmlose Situation – etwa wenn meine Leidenschaft für die Pleinairmalerei stärker wird als meine Vernunft.
Eines unserer Etappenziele auf der Reise in den Süden entlang der europäischen Westküste waren die „Las Catedrales“ in Galizien. Das sind aus dem Gestein herausgewaschene, sehr hohe Felsbögen, die hintereinander angeordnet wie das Seitenschiff einer gotischen Kathedrale anmuten. Nur während der Ebbe darf der Strand, über den die Catedrales erreichbar sind, überhaupt betreten werden. Es freute mich als Malerin ganz besonders, dass an unserem Besuchstag im September die Ebbe erst am späten Nachmittag einsetzte. Denn erst in der Abendsonne beginnen die Felsen zu leuchten und die gewaltigen Bögen ihre ganze Schönheit zu zeigen. Während Hunderte Touristen nach Öffnung des Absperrgitters den Catedrales entgegenströmten, blieben mein Mann und ich etwas abseits und warteten, bis sich die meisten wieder über eine sehr lange, steile Treppe zu den Ausflugsbussen bewegten. Wir liefen über den feuchten Sand zu einer Art Domraum. Auf einer Sandfläche vor einer hohen, halbrunden Felswand stellte ich mich in Position: den Malkasten mit dem kleinen Malblock auf dem linken Unterarm, den feinen Pinsel in der rechten Hand, die Maltasche quer über die Schulter gehängt. Wir waren nicht die Einzigen, die sich auf das Abendlicht freuten. Ein paar Meter entfernt platzierte ein Fotograf sein Stativ im weichen Sand und begann, mit seinen Kameras und Objektiven zu hantieren. Während mein Mann und der Begleiter des Fotografen das weitläufige Areal der Catedrales erkundeten, begannen wir mit unserer jeweiligen Arbeit. Ich zeichnete den Blick auf die Felsbögen, er fotografierte sie – wir beide warteten aber auf dieses spezielle Licht, das die Felsen erst noch zu einem Farbenmeer verzaubern würde.
„Beeil dich“, bat mich Klaus, als er wieder bei mir war, „das Wasser steigt schon wieder.“ – „Ja, ja.“ – „Sie sollten jetzt gehen, die Flut setzt ein“, drängte ein junger Mann mit Sicherheitsweste, der durch das knöcheltiefe Wasser zu uns gewatet kam. „Ich komme nicht noch einmal zurück, um Sie zu warnen.“ – „Geh schon“, ermunterte ich Klaus, „ich brauche nur noch ein paar Minuten.“ Bald hatten alle das Domareal verlassen, nur der Fotograf und ich waren zurückgeblieben. Mit jeder Welle stieg das Wasser ein wenig höher, doch noch fehlten mir die leuchtenden Farben – und dem Fotografen das entscheidende Licht. Endlich stand die Sonne tief genug, der Moment, auf den wir gewartet hatte, war gekommen. In rasantem Tempo setzte ich die fehlenden Farbflächen aufs Papier, packte dann in Windeseile Malblock, Pinsel und Malkasten in meine Umhängetasche und stapfte jetzt wie der Fotograf durch die ersten kräftigen Wellen der herannahenden Flut.
Als ich auf die überspülte Sandfläche des Doms und die lechzende Brandung an den Felswänden zurückblickte, erinnerte ich mich plötzlich an ein Abenteuerbuch, das mich als Kind bewegt hatte. Darin waren Freunde auf der Suche nach einem Piratenschatz nur knapp dem ansteigenden Meer aus einem Höhlenlabyrinth entkommen. Nun erreichte auch ich gerade noch rechtzeitig trockenes Land – nicht mit einem Schatz, sondern mit einem kleinen Aquarell in der Tasche.