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November 2016

- Die Oberbaumbrücke bei Nacht -

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„Berlin, Du bist so wunderbar“, trällerte meine Freundin Lou mit einem fröhlichen Funkeln in ihren Augen. Sie wiegte sich rhythmisch in den Hüften und schwang grazil ihre Arme zur Musik. Plötzlich landeten beide Handflächen krachend auf dem Tisch. „Nu wohnste schon so lange in Berlin und malst einfach nich´ die Stadt. Haste davor Bammel?“ Durch runde Brillengläser schaute sie mich an und unterbrach mich sofort, als ich ihr von fehlender Inspiration erzählen wollte. „Papperlapapp, vergiss doch ´mal den ollen Alltagsstress – und tu´s einfach! Wenigstens Dein janz persönliches Lieblingsmotiv.“

Lous Energie wirkte und katapultierte mich zum Malen ans Ufer der Spree. Auf dem Fluss tänzelten die Lichter der Großstadt und des Vollmonds. Lastkähne, kleinere Schiffe und Partyboote mit Tanzenden schipperten vorbei. Von hier nach da fegten die Autos über die Brücke und auch die U-Bahn mit ihren gelben, hell erleuchteten Waggons voller Passagiere. Und als ich wie gebannt auf die Brücke schaute, erloschen wie von Zauberhand plötzlich alle Lichter, selbst der Vollmond war verschwunden – graublauschwarz gebleicht erschien mit einem Mal die Welt. Alles war menschenleer und düster, dunkel ragten die Brückentürme in die Nacht, schweigsam strömte der große Fluss. Doch drüben, auf der anderen Uferseite, tauchten die Scheinwerfer eines klobigen Wachturms den Todesstreifen und die lange, weiße, mit ausgerolltem Stacheldraht gekrönte Mauer in ein grelles, kaltes Licht. Gezoomt in ein Wohnhaus gleich hinter der Oberbaumbrücke sah ich von meinem Balkon im ersten Stock aus deutlich das überdimensionierte Schild „You are leaving the American Sector“ und wie Menschen in dieser historischen Novembernacht erst einzeln, dann in kleinen Gruppen und schließlich in Massen über die Brücke strömten. Ich hörte wieder den Reggae aus meiner Musikanlage, die ich auf den Balkon geschleppt und ganz laut aufgedreht hatte. Staunen, Erleichterung, Glück – die Oberbaumbrücke war endlich wieder Brücke geworden, die Spree erneut das Tor zur weiten Welt, West-Berlin keine Insel mehr.

„Wenn det Dein Lieblingsmotiv von Berlin is, dann isses ja jut“, Lous Stimme klang keck wie immer. „Aber hättste das Bild denn nich´ bei Tach malen können?“ – „Nee“, versuchte ich mich nun auch im Berlinern, „eben nich´, denn nur bei Nacht is´ mir die Oberbaumbrücke als Motiv so richtig wichtig.“

 

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