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Juli 2016

- Die Sedov segeln sehen -

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Dieser Kunde auf dem Kunsthandwerkermarkt in Rostock fiel aus dem Rahmen. Der alte Mann im Rollstuhl sah aus wie ein richtiger Käpt´n: Seemannsmütze, blaue Jacke mit goldschimmernden Knöpfen, dicke Augenbrauen, weißer Vollbart, windgegerbtes Gesicht. „Einen Segler hast du ja nicht“, maulte er, während sein Blick suchend über meine Motive streifte. „Doch, die ‚Passat‘, sie liegt in Travemünde vor Anker.“ – „Viermaster ist gut, aber wenn, dann einen auf hoher See!“ – „Oh, das wird schwierig“, sagte ich. Eigentlich lag mir „unmöglich“ auf der Zunge. Denn wie und wo sollte ich ein segelndes Schiff malen?

Nach Marktschluss fuhr ich noch an die Küste.Mit meiner Maltasche über der Schulter schlenderte ich über die Seebrücke von Wustrow und nahm plötzlich einen grauen Fleck auf der Horizontlinie wahr: zu groß für einen Kutter, zu hoch für einen Frachter – und waren da nicht Masten? Ein Segelschiff! Die Sonne sank schon, das Schiff glitt voran, und gleich eilte ich über quietschende Holzbohlen hin zum Brückenkopf. Die Angler warfen mir missmutige Blicke zu: so viel Aufregung, wozu? Schnell hatte ich meine Malsachen aus der Tasche gekramt, das Meer funkelte in der gelben Sonne. Doch der graue Umriss war zu klein, ich konnte die Linien des Schiffes beim besten Willen nicht unterscheiden. Meine Hand fuhr in die Hosentasche. Hatte dort nicht eben Geld geklimpert? Zu meinem Entzücken zog ich sie voller Münzen heraus, ach ja, das Wechselgeld vom Markt! Alles Ein-Euro-Stücke, mit denen ich nun das Ausguckrohr neben mir füttern konnte. Endlich sah ich das Schiff, erkannte seine Form, seine Masten. Wie der Viermaster segelte auch ich jetzt plötzlich auf einer guten Brise: Geld rein, Schlitz auf, Blick durchs Fernrohr, Blick zu den Farben, Striche und Flächen auf das Papier... Das Bild nahm Gestalt an, während die Erde sich drehte, die Sonne versank und das Schiff nach Osten davonsegelte.

„Jow“, brummelte am nächsten Tag erfreut der „Bilderbuchseebär“, meinen kleinen Malblock in seinen großen Händen haltend. „Die kenne ich gut, legte gestern in Rostock ab, Zielhafen Kaliningrad.“ Er wirkte zufrieden. „Und, Mädchen, welches Schiff hast du da segeln sehn?“ – „Ja, das wüsste ich auch zu gerne“, antworte ich ganz ehrlich, denn die Angler gestern hatten es mir nicht sagen können. Mein Käpt´n schon: „Die Sedov war´s, die gute alte Sedov!“

 

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